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Uniformierte Nationalsozialisten auf einem Propagandawagen vor der Gemeinderatswahl im April 1933.
Uniformierte Nationalsozialisten auf einem Propagandawagen vor der Gemeinderatswahl im April 1933.

Die Nationalsozialisten bei Innsbrucker GR-Wahlen 1921 bis 1933

Zwischen 1921 und 1933 fanden in Innsbruck sieben Gemeinderatswahlen statt, weil nach dem geltenden Wahlrecht alle zwei Jahre die Hälfte der Mandate neu zu besetzen war.

von Dr.in Sabine Pitscheider (Wissenschaftsbüro Innsbruck e. V.)

1921 traten zum ersten Mal radikale Nationalisten unter dem Namen Nationalsozialistische Partei bei den Innsbrucker Ergänzungswahlen an. Sie erreichten nur 646 Stimmen (2,8 Prozent) und kein Mandat, waren damit für die etablierten Parteien der Sozialdemokratie, der Tiroler Volkspartei und der Großdeutschen (noch) keine Konkurrenz. Ihr Programm – Zusammenschluss aller „deutschen Völker“, Rassismus, Antisemitismus, „Gemeinnutz vor Eigennutz“ und „Volksgemeinschaft“ – war radikaler als das der anderen Parteien. Am ähnlichsten war es trotz des proletarischen Einschlags dem der Großdeutschen Partei, die Innsbruck, wenn auch unter anderem Namen, seit Jahrzehnten regierte und bis 1929 die Bürgermeister stellte. Einer der nationalsozialistischen Kandidaten saß 1919 noch für die Großdeutschen im Gemeinderat.

Veranstaltung der NSDAP am 27. Oktober 1931 im Gasthof Bierwastl am Innrain 10.
Veranstaltung der NSDAP am 27. Oktober 1931 im Gasthof Bierwastl am Innrain 10.

Spaltung der NS-Partei

Bei den Wahlen 1923 errang die NS-Partei erstmals ein Mandat, 1925 ein zweites, das ein städtischer Lehrer einnahm. 1927 schloss die Großdeutsche Volkspartei, die in den beiden Wahlgängen zuvor empfindliche Stimmeinbußen erlitten hatte, mit den Nationalsozialisten ein Bündnis und kandidierte unter dem Namen „Nationale Einheitsliste“. Der Zusammenschluss des „nationalen Innsbruck“ gewann zwar an Stimmen und Mandaten, aber nicht in dem erhofften Ausmaß. Außerdem spaltete sich die NS-Partei in eine Gruppe, die einen österreichischen Weg verfolgte, und eine, die sich der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei (NSDAP) im Deutschen Reich unterwarf. Beide NS-Parteien kandidierten 1929 getrennt und verloren. Zusammen errangen sie gerade mal 1,4 Prozent der Stimmen, im Gemeinderat blieb ein Mandatar, der über die Einheitsliste eingezogen war.
1929 waren die Auswirkungen der Weltwirtschaftskrise schon zu spüren, und die etablierten Parteien schienen keine Rezepte zu haben, sie für die Bevölkerung abzufedern. Das zeigte sich auch bei der Anzahl der Listen, die sich um Stimmen und Mandate bewarben. 1929 kandidierten insgesamt acht Listen, drei aus dem nationalen Lager – Großdeutsche und zwei nationalsozialistische Parteien –, drei aus dem konservativen – Tiroler Volkspartei, Angestelltenpartei, Hausbesitzer und Gastwirte –, und zwei aus dem linken – Sozialdemokratie und kommunistische Partei. 

Antritt einer reinen Frauenpartei

Im Vorfeld der Wahlen 1931 ereigneten sich Unruhen und Ausschreitungen, vor allem von AnhängerInnen der NSDAP mit jenen der Sozialdemokratie, aber auch mit der Polizei. Die NSDAP erzielte nur 4,1 Prozent an Stimmen und verlor damit ihr einziges Mandat im Gemeinderat. In diesem Jahr versuchte auch eine reine Frauenpartei, in den Gemeinderat einzuziehen. Die aus bürgerlichen Frauen zusammengesetzte Liste sah sich Spott, Verunglimpfungen in der Presse und Druck auf einzelne wahlwerbende Frauen ausgesetzt. Im Vorfeld spaltete sich eine Gruppe von der Tiroler Volkspartei ab und wollte unter dem Namen Katholische Tiroler Volkspartei kandidieren. Nach Querelen und öffentlich ausgetragenen Streitereien zog die Splittergruppe ihre Kandidatur zurück. Die ehemals beherrschenden Großdeutschen verloren weiter an Stimmen und damit Einfluss. Stimmen- und mandatsstärkste Partei war und blieb die Sozialdemokratie.

Wahlaufruf der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei. Volkszeitung, 15. Mai 1931.
Wahlaufruf der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei. Volkszeitung, 15. Mai 1931.

Versprechen der NSDAP

Ab Herbst 1931 setzte die NSDAP auf eine massive Propagandakampagne und Präsenz in der Öffentlichkeit. Aufmärsche, Fackelzüge, Hakenkreuzschmierereien an Hauswänden, Flugzettel, Höhenfeuer in Form von Hakenkreuzen an der Nordkette – dies und das Versprechen, der Nationalsozialismus werde die von der Wirtschaftskrise geschaffenen Probleme mit Massenverarmung und Not lindern, ließ viele Menschen zur NSDAP überlaufen. Die Ernennung Adolf Hitlers zum Kanzler des Deutschen Reiches Ende Jänner 1933 verlieh der Tiroler NSDAP weiteren Auftrieb.
Vor der Ergänzungswahl im April 1933 präsentierte sich die NSDAP als Heilsbringer, versprach, Österreich werde wie das Deutsche Reich unter der Führung Adolf Hitlers aufblühen und rief zum Beitritt und zur Wahl auf: „Hinein in die Reihen der braunen Armee!“ Bei der Wahl am 24. April 1933 entfielen 14.996 Stimmen (41,2 Prozent) und 9 Mandate auf die NSDAP, während die Großdeutschen, größter Konkurrent im nationalen Lager, sich mit 828 Stimmen (2,3 Prozent) bescheiden mussten. Neun überzeugte und radikale Nationalsozialisten, darunter der spätere Gauleiter Franz Hofer oder der nachmalige Oberbürgermeister Egon Denz, zogen in den Gemeinderat ein. Im letzten Moment zögerte die Volkspartei, die vor der Wahl Gespräche mit der NSDAP über die Kür eines Nationalsozialisten zum Bürgermeister geführt hatte. Nach dem Mitte Juni verhängten Verbot der NSDAP verloren die Nationalsozialisten ihre Mandate. Wenige Monate später verbot die Regierung die Sozialdemokratische Partei und bis in den März 1938 und dem „Anschluss“ herrschte der austrofaschistische selbst ernannte Ständestaat diktatorisch.