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Hans Plangger, Quellnymphe. Brunnenfigur, um 1940/44, Laaser Marmor, unterlebensgroß, seit 1953 am Haydnplatz in Innsbruck-Saggen aufgestellt.
Hans Plangger, Quellnymphe. Brunnenfigur, um 1940/44, Laaser Marmor, unterlebensgroß, seit 1953 am Haydnplatz in Innsbruck-Saggen aufgestellt.

Schneeweiß?

Blendend weiß kommen gerade jetzt im Sommersonnenlicht die Marmorskulpturen von Hans Plangger (Laas 1899 – 1971 Bozen) in Innsbruck daher. Entworfen, teilweise auch ausgeführt wurden diese im „Dritten Reich“, aufgestellt jedoch erst in den 1950er Jahren. Und stellen damit auch 2018 Fragen.

aus dem Stadtarchiv/Stadtmuseum von Dr. Helmuth Oehler

In der Hitze der Stadt

Brunnen im öffentlichen Raum lassen frisches, kühlendes Wasser sprudeln. Das genau Nachdenken über drei Brunnenskulpturen in Innsbruck ist allerdings wenig „erfrischend“! Denn was vordergründig unschuldig weiß, mehr oder weniger nackig vor einem steht, lässt bei näherer Betrachtung „braune“ Flecken erkennen. 

Drei Frauen, drei Brunnen

Der Südtiroler Bildhauer Hans Plangger lieferte zu drei städtischen Brunnen aus Laaser Marmor gemeißelte weibliche Figuren: Das „Mädchen mit Storch“ (1943/44) stand von 1957 bis zum Frühling 2018 am Kaiserschützenplatz in Wilten. Den Haydnplatz im Saggen schmückt seit 1953 eine „Quellnymphe“ (um 1940/44), während 1958 die monumentalen „Saligen“ (Entwurf 1944, Ausführung 1953/54) im Pradler Rapoldipark feierlich enthüllt wurden.

Ein zarter Mädchenleib

Das bereits im Auftrag der Stadt Innsbruck geschaffene Gipsmodell zum „Mädchen mit Storch“ war 1943 Teil der vierten„Gau-Kunst-Ausstellung Tirol-Vorarlberg“in Innsbruck. Ein Jahr später zeigte Hans Plangger auf der „Gau-Kunstausstellung“ die bereits in Laaser Marmor ausgeführte Skulptur: „Die reizvolle Brunnenfigur“ lasse „einen zarten Mädchenleib“ erkennen, charakterisierte im Juli 1944 Karl Paulin die Skulptur in den „Innsbrucker Nachrichten. Parteiamtliches Organ der NSDAP. Gau Tirol-Vorarlberg“. Das „Mädchen mit Storch“ war von Plangger im Auftrag der Stadt Innsbruck als „Teilfigur eines Brunnens“ geschaffen und mit 10.000 RM honoriert worden. „Die formschöne Skulptur in strahlend weißem Marmor“ (Tiroler Tageszeitung 1957) wurde jedoch erst 1957 eher unmotiviert am Kaiserschützenplatz in Wilten öffentlich aufgestellt. Im Frühsommer 2018 musste das einstige Gau-Kunstausstellungs-Exponat einem den Kaiserschützen gewidmeten Denkmal Platz machen und ist gegenwärtig „eingelagert“.

Eine idyllische Quellnymphe

Diese auch als „Mädchen mit dem Krug“ bezeichnete Figur, wohl zwischen 1940 und 1944 von Hans Plangger geschaffen, lässt seit 1953 am Haydnplatz im Saggen Wasser aus einer Urne plätschern. Zur Entstehung und Aufstellung der „Quellnymphe“ fehlen bisher Informationen.

Bildhauer Hans Plangger, Bozen-Innsbruck-München

Die vorstellten Werke Hans Planggers werfen Fragen auf. Ein Blick in die Biographie des Bildhauers stellt jedoch einiges klar: Der 1899 in Laas im Vinschgau geborene, 1971 in Bozen verstorbene Han(n)s Plangger, begann 1923 das Bildhauerstudium an der Wiener Akademie. Nach einem Romaufenthalt kehrte er 1933 nach Bozen zurück, arbeitete dort als freier Bildhauer. Ab 1937 war Plangger mit insgesamt sieben Werken auf fünf der „Großen Deutschen Kunstausstellungen“ (GDK) im „Haus der Deutschen Kunst“ in München vertreten. 1942 kaufte Dr. Robert Ley, Reichsorganisationsleiter der NSDAP, eine mit „Junger Bauer“ betitelte Figur um 16.000,-- RM direkt auf der „GDK“ an. Die „GDK“ in der damaligen „Hauptstadt der Deutschen Kunst“ war von größter Bedeutung für die nationalsozialistische Kunst- und Kulturpolitik. Denn auf ihr wurde das vom Regime erwünschte Kunstschaffen eindrücklich vor Augen geführt. Gleichzeitig war die „GDK“ die wichtigste Verkaufsplattform für die Kunst des Nationalsozialismus.
Plangger beteiligte sich auch an allen fünf in Innsbruck zwischen 1940 und 1944 abgehaltenen „Gau-Kunstausstellungen Tirol-Vorarlberg“. Er zeigte dort insgesamt sechzehn Bildhauerarbeiten. Die „Gau-Kunstaustellungen“ waren wie die „GDK“ Präsentations- und Verkaufsausstellungen für offiziell anerkannte Kunst.
Allein aus diesen Ausstellungsbeteiligungen kann geschlossen werden, dass die Kunst Planggers von den Nationalsozialisten geschätzt wurde, der Bildhauer im „Dritten Reich“ durchaus erfolgreich und anerkannt war – da er die vom Regime aufgestellten Forderungen bezüglich bildender Kunst erfüllte. 1942 wurde er deshalb auch auf der „Gau-Kunstausstellung Tirol-Vorarlberg“ mit dem ersten Preis für Bildhauerei ausgezeichnet.

Nur harmlose Frauen-Gestalten, „wohlwollende Quellennymphen“ (1958)?

Wie kann heute mit diesen Werken Planggers aus der Zeit des „Dritten Reichs“ umgegangen werden? Wichtig ist zunächst, diese Figuren weder zu banalisieren, noch zu dramatisieren. Und dann über Fragen nachzudenken:
Kann über 70 Jahre nach Kriegsende Kunst und Politik getrennt werden? Können die Werke Planggers so rein nach ästhetischen Gesichtspunkten bewertet werden? Kann die Form von der (gewünschten) Funktion der Figuren getrennt werden? Können Ideologie und Ästhetik tatsächlich als unterschiedliche Dinge behandelt werden? Ist hier lediglich eine „unsinnliche Schönheit“ eines verarmten, entfremdeten Klassizismus zu beobachten? Und: Sind diese Frauenfiguren heute vollkommen aussagelos? Oder handelt es sich nur vordergründig um unverfängliche Werke?

„Lebensquell“ & „Adebar“

Der Blick der „Quellnymphe“ konzentriert sich jedenfalls auf die wasserspendende Urne, die überdeutlich von Plangger im Schoss der makellos jungen Frau positioniert wurde. Und lässt damit an die von der NS-Ideologie der Frau zugeordnete Funktion als „Lebensquell“ denken.
Das „Mädchen mit Storch“ hingegen blickt in die Ferne, vielleicht in die eigene Zukunft. Der „zutrauliche“ Storch könnte in dieser als Adebar, der in der germanischen Sage als Lebensbringer gilt, eine „offiziell gewünschte“ Rolle spielen. Abgesehen davon kann der Schnabel des Vogels durchaus auch als Phallus-Symbol interpretiert werden.
Also was nun? „Formschöne“, harmlose Skulpturen in strahlend weißem Marmor? Oder doch mehr? Schneeweiß mit Flecken?
Mehr zu der im Artikel skizzierten Thematik ab 14. Dezember 2018 in der Ausstellung „Kunst 1938 – 1945“ im Tiroler Landesmuseum Ferdinandeum. Sie beschäftigt sich mit der ideologischen, geduldeten, aber auch „verbotenen“ Tiroler Kunst dieser Jahre.