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Der Pembaurblock in Pradl wurde nach Plänen von Theodor Prachensky und Jakob Albert errichtet.
Der Pembaurblock in Pradl wurde nach Plänen von Theodor Prachensky und Jakob Albert errichtet.

Der Innenhof als Herzstück

Der 1926/27 errichtete „Pembaurblock“ in Pradl setzte nicht nur architektonisch neue Maßstäbe. Mit einer Mutterberatungsstelle und einem großzügigen Innenhof samt Spielflächen für Kinder spiegelte er fundamentale gesellschaftliche Veränderungen.

aus dem Stadtarchiv/Stadtmuseum von Susanne Gurschler

Sie sei wohl „die schönste ihrer Art in ganz Österreich“, stand am 03. September 1928 im „Tiroler Anzeiger“ zu lesen. Gemeint war die Mutterberatungsstelle im so genannten „Pembaurblock“ im Innsbrucker Stadtteil Pradl, die tags darauf eröffnet werden sollte und in „modernster, mustergültigster Weise“ eingerichtet war. Die Mutterberatungsstelle nahm eine wichtige Rolle in diesem rundum sozial gedachten Wohnblock ein – was sich nicht zuletzt an ihrer markanten Positionierung zeigte.
Der von den Architekten Theodor Prachensky und Jakob Albert für die Stadt geplante Pembaurblock war stilistisch der „Neuen Sachlichkeit“ verpflichtet und galt nicht nur in Innsbruck als Beispiel für zukunftsweisenden kommunalen Wohnbau. Der Fokus lag auf Lebens- und Wohnqualität der künftigen BewohnerInnen. Besondere Berücksichtigung fanden zudem die Bedürfnisse von Kindern.

Herzstück der Anlage war und ist der großzügige Innenhof. Sogar ein Planschbecken für die Kinder gab es.
Herzstück der Anlage war und ist der großzügige Innenhof. Sogar ein Planschbecken für die Kinder gab es.

Veränderte Bedürfnisse nach dem Krieg

Vor dem 1. Weltkrieg hatte es in Innsbruck nur sehr überschaubare Aktivitäten im Bereich sozialer Wohnbau gegeben. Wenn Gebäude errichtet worden waren, dann nach dem Vorbild gründerzeitlicher Mietshäuser. In den Kriegsjahren war an Bauen nicht zu denken, nach Ende des 1. Weltkrieges war die Wohnungsnot enorm und die Stadtregierung wollte leistbaren und ansprechenden Wohnraum schaffen.
Die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen in den Städten hatten sich geändert: An die Stelle der Groß- trat die Kleinfamilie, viele Frauen gingen arbeiten. Um die Säuglingssterblichkeit wirksam zu bekämpfen, richteten Kommunen Mutterberatungsstellen ein. Hier erhielten Mütter Unterstützung bei Fragen der richtigen Ernährung, der Hygiene oder der Behandlung von Kinderkrankheiten. Beim Planen wurde zudem auf Aufenthaltsqualität geachtet: Große, helle Räume, Grünflächen und ansprechende Innenhöfe sollten zum Wohnkomfort beitragen, Kinder ihren Bewegungsdrang innerhalb der Anlagen ausleben können. Die heimischen Architekten, die sich – wie ihre Kollegen in Wien oder Berlin – einem modernen Stil verpflichtet fühlten, suchten diesen auch im Wohnbau umzusetzen. Der Wohnblock erwies sich als günstige Variante und er war auch ökonomischer, was Grund und Boden anbelangte. Um die Räume mit möglichst viel Licht und Sonne zu versorgen, traten Loggien und Balkone sowie großzügige Innenhöfe an die Stelle von Lichtschachten. Eine der stimmigsten Anlagen stellte in Innsbruck der Pembaurblock dar. 

Wohnen im Pembaurblock

Prachensky und Albert planten eine viergeschossige, u-förmige Anlage mit 108 Wohnungen, in der zudem Geschäfte und eine Mutterberatungsstelle untergebracht waren. Dreiseitige Erker durchbrachen und gliederten die schlichte Fassade, den Abschluss zum Dach bildete ein Gesimsband. Im Innenhof übernahmen neben Erkern, Loggien (heute geschlossen) und Balkone die optische Gestaltung. Zudem waren die Fensteröffnungen versetzt, was der Fassade ihren strengen Charakter nahm. Für einen eleganten Abschluss sorgten die Dreiecksgiebel am Dach über den Eingängen. „Am Pembaurblock ist der Kontrast zwischen repräsentativem Charakter der Straßenseite und vernachlässigter, dem Zufall überlassener Gestaltung der Hofseite endgültig verschwunden“, schreibt Claudia Wedekind in „Wohnbau sozial. Innsbruck von 1900 bis heute“.
Alle Wohnungen waren sowohl von der Straßenseite als auch vom Innenhof aus erschlossen. Insgesamt gab es vier Wohntypen mit Wohnküche, Loggia, Erker und Zimmern. Die Wohnküche war Aufenthalts- und Gemeinschaftsort – ein Wohnzimmer im heutigen Sinne gab es nicht. Nur die Eckwohnungen wiesen im Grundriss wesentliche Unterschiede zu den anderen auf. Fast jede Einheit hatte ein eigenes Badezimmer.

Die Mutterberatungsstelle schloss den Block nach Norden ab; hier ist heute ein Kindergarten untergebracht.
Die Mutterberatungsstelle schloss den Block nach Norden ab; hier ist heute ein Kindergarten untergebracht.

Baukunst auf hohem Niveau

Großes Augenmerk legten Prachensky und Albert auf die Gestaltung der gemeinschaftlich genutzten Flächen. Der Pembaurblock erhielt – zusätzlich zu den Hauseingängen – zwei überbaute große Zugänge zum Innenhof, die für Durchlässigkeit sorgten. Im nördlichen Teil führte eine breite Stiege zur Mutterberatungsstelle, die den Block abschloss und aufgrund ihrer geringeren Höhe einen herrlichen Blick auf die Nordkette ermöglichte (heute ist diese Aussicht verbaut). Eine Art Laubengang verband den niederen Trakt auf beiden Seiten mit Türmen, die an die Wohnflügel andockten; der Dreiecksgiebel über den Mittelbau der Mutterberatungsstelle unterstrich die Geschlossenheit der Anlage. Der weitaus größere südliche Teil des Innenhofs diente als Erholungs- und Spielraum.
Er ist noch heute von ganz besonderem Charme: Denn die Architekten senkten diesen Bereich gegenüber den Hauseingängen und dem rundum laufenden Weg ab. Die Grünfläche ist von einer Mauer umgeben, über Treppen erreichbar und wird von mittlerweile hohen Bäumen flankiert. Hier finden sich wie damals Sitzgelegenheiten für die Erwachsenen sowie Sandkisten und weitere Spielmöglichkeiten für die Kleinen. Ein Ort der Kommunikation mit hoher Aufenthaltsqualität, von den Loggien aus gut einsehbar und im Blickfeld des Kindergartens, der mittlerweile in der ehemaligen Mutterberatungsstelle untergebracht ist.
Der Pembaurblock ist zwischenzeitlich denkmalgeschützt und zeigt sich noch 90 Jahre nach seiner Errichtung als ein bemerkenswertes Beispiel für durchdachten kommunalen Wohnbau auf baukünstlerisch hohem Niveau.